Kleine Arcana

Die vier Elemente als Bausteine der Schöpfung

Von Hajo Banzhaf

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Nach antiker Überzeugung schuf Gott zunächst die vier Elemente Feuer, Erde, Luft und Wasser, um aus diesen

Bausteinen die Schöpfung zu gestalten. In die Astrologie ist diese Vorstellung als klassische Vier-Typenlehre

eingegangen, die die Basis der 12 Archetypen bildet, da je drei der 12 Tierkreiszeichen zu einem Element gehören.

Die Feuermenschen (Widder, Löwe, Schütze) verbindet Enthusiasmus und Willenskraft, Wasser (Krebs, Skorpion,

Fische) steht für Hingabe, Gefühle und Fantasie, Luft (Zwillinge, Waage, Wassermann) für die Verstandesmenschen

und die Welt der Ideen, Erde (Stier, Jungfrau, Steinbock) für die konkrete Wirklichkeit und den Menschen der Tat.

Zum anderen aber bildet dieses Modell auch den Hintergrund der vier Quadranten im Horoskop, von denen jeder mit

einem anderen Element beginnt. Widder als Feuerzeichen steht am Anfang des ersten Quadranten, Krebs als

Wasserzeichen am Beginn des Zweiten, das Luftzeichen Waage eröffnet den Dritten und schließlich der Steinbock

als Erdzeichen den Vierten. In dieser Reihenfolge symbolisieren sie die Stufen einer Entwicklung: am Anfang steht

der feurige Impuls, die Willenskraft und die Begeisterung (Feuer), in der Mischung mit Fantasie, Sehnsucht,

Wünschen und dem richtigen Gespür (Wasser) entsteht die Idee, der Plan, die Strategie (Luft), was dann zur Tat,

dem Werk, zur Verwirklichung, dem Ergebnis (Erde) führt.

Zu diesem klassischen Konzept steht die Alchemie scheinbar im Widerspruch, weil sie nur von drei Elementen

spricht: von Quecksilber, das dort Mercurius heißt, von Salz und Schwefel.Aus der richtigen Mischung dieser drei

Elemente gehen nach alchemistischer Lehre alle Metalle hervor. Wie so oft muss man sich auch hier in die Tiefen

der Unterwelt begeben, um die Lösung für diesen Widerspruch

zu finden. Cerberus, der dreiköpfige Höllenhund, hütet das

Geheimnis. Seine drei Köpfe entsprechen den alchemistischen

Elementen, seine vier Beine den vier klassischen.

Während Salz die Erde und Schwefel das Element Feuer

verkörpert, ist das schillernde Quecksilber ambivalent. Gleich der

Doppeldeutigkeit Merkurs, der als Götterbote sowohl in

himmlischen Gefilden wie in der dunklen Welt der Schatten

bewandert ist, hat auch das ihm zugeordnete Quecksilber eine

doppelte Natur. In diesem Element, das die Alchemie auch

»trockenes Wasser« nennt, verbinden sich die klassischen

Elemente Luft und Wasser, und genau darin liegt eine wichtige

Botschaft.

Logos, die luftige Erkenntniskraft

Der geistige Aspekt und - alchemistisch gesprochen - die luftige Seite des Quecksilbers kommt im Logos zum

Ausdruck, dem schöpferischen Wort, das am Anfang aller Schöpfung steht. Achtmal heißt es im biblischen Bericht

von der Erschaffung der Welt (1.Moses 1): »Und Gott sprach...« und das Evangelium des Johannes beginnt mit dem

berühmten Vers: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.« Im griechischen

Urtext steht dort für Wort Logos, womit sowohl die erkennende und erhellende Kraft des Verstandes, wie auch das

schöpferische Wort gemeint ist.

Diese luftige Seite Merkurs, seine geistige, schöpferische Kraft, wird im Crowley-Tarot vom Magier verkörpert. Die

Karte zeigt uns den Magier in einer Pose, die an die berühmte Merkurstatue von Giovanni di Bologna erinnert, die in

vielfacher Kopie auf ungezählten Merkurbrunnen zu sehen ist und dort stets luftig auf dem Wasser tanzt.

Das Ungeheuer mit drei Köpfen und vier Beinen (der

Cerberus) ist der Schlüssel für Entsprechung zwischen

den drei alchemistischen und den vier klassischen

Elementen

 

Der Magier = Logos

Die Hohepriesterin = Soma

Mit graziler Leichtigkeit jongliert der Magier mit den Elementen, die ihn umgeben. Es sind die vier Symbolzeichen der

Kleinen Arkana, die den vier Elementen entsprechen. Der Stab steht für das Feuerelement, der Kelch für Wasser,

die Münze entspricht der Erde und das Schwert dem Luftelement. Das geflügelte Ei ist Sinnbild der Quintessenz,

dem unsichtbaren fünften Element. Über dem Kopf des Magiers sind zwei Schlangen zu sehen, die sich um einen

Stab winden, und damit an den Caducäus, den Hermesstab erinnern. Am höchsten Punkt der Karte sehen wir das

Zeichen der geflügelten Sonne aus deren Zentrum eine Taube auf den Magier hinabsteigt.

Soma, die wässrige Erkenntniskraft

Während Logos, das Wort, den luftigen Aspekt und den befruchtenden Teil des Quecksilbers vertritt, finden wir die

intuitive wässrige Seite Merkurs, den seelischen Aspekt, in der Hohenpriesterin. Sie verkörpert Soma, das göttliche

Wasser, und steht für die verwandelnde Kraft, die Transformation.

Damit veranschaulichen der Magier und die Hohepriesterin zwei Seiten der Merkurkraft, die einander ergänzen und

sich - wie beim Quecksilber - verbinden müssen, damit der Prozess der Wandlung gelingen kann. Die männlich

zeugende Kraft des Magiers bedarf eines fruchtbaren Bodens, damit sie nicht wirkungslos verpufft; die empfangende

Bereitschaft der Hohenpriesterin dagegen bedarf des zeugenden Impulses, damit sie ihn aufnehmen und wandeln

kann. Eben weil dem Weiblichen diese Qualität entspricht, einen kleinen, noch so unscheinbaren Impuls aufzugreifen

und Großes daraus werden zu lassen, ist Soma, die Kraft der Verwandlung, ein weibliches Prinzip.

Der androgyne Merkur als richtige Mischung

Die Alchemie verknüpft so in ihrer Vorstellung von Merkur zwei grundlegend verschiedene Arten, zu denken,

wahrzunehmen, zu erkennen und zu urteilen. Ohne jede Wertung können wir dabei von männlichem und weiblichem

Denken sprechen. Männliches Denken ist auf Unterscheiden ausgerichtet, weibliches Denken betont das

Gemeinsame. Männliches Denken trennt und zerlegt das in Details und Gegensätze, was dem weiblichen Denken

als zusammen gehörige Pole einer Sache erscheint. Männliches Denken differenziert und analysiert, indem es mit

immer größeren Mikroskopen immer kleinere Segmente untersucht und dabei möglicherweise das Ganze aus dem

 

Auge verliert. Weibliches Denken ist holistisch auf Synthese ausgerichtet und läuft, im Bestreben das Ganze zu

erkennen, manchmal in Gefahr, ein wichtiges Detail zu übersehen. Männliches Denken glaubt an Regeln, während

weibliches Denken die Ausnahmen liebt. Männliches Denken ist bohrend und durchdringend, während weibliches

Denken etwas konzipiert, das ihm eingehen muss. Dem männlichen Denken erscheint das als richtig, was logisch ist,

was es erkannt, verstanden, begriffen hat. Dem weiblichen Denken dagegen erscheint nur das als wahr und stimmig,

was die richtige Stimmung erzeugt, genauer gesagt, womit eine tiefe innere Übereinstimmung gespürt wird.

Detail : Wechselbeziehung

Da das männliche Denken dem Logos entspricht, ist es das der Worte und auch der klugen, durchaus schönen

Erklärungen. Demgegenüber hat das weibliche Denken eine wässrige, gefühlsvolle Qualität, und je tiefer Wasser ist,

umso stiller wird es. So ist das männliche Denken die luftige Kraft, die erforschend und durchdringend die

Geheimnisse lüftet und stolz die gemachten Erkenntnisse verkündet, wohingegen das weibliche Denken um das

Unaussprechliche der letzten Wahrheiten weiß, die sich nur mit seiner wässrigen Kraft erspüren lassen. Männliches

Denken steht für Gedanken, die wir uns machen, weibliches für solche, die uns kommen, und das sind gewiss nicht

die Schlechteren.

Diese weibliche Qualität zeigt sich in der Tarotkarte durch die ägyptische Göttin Neith, die man auch Isis von Sais

nannte. Der Überlieferung nach war ihr Standbild im Heiligtum in Sais stets von einem Schleier verdeckt und auf dem

Sockel stand laut Überlieferung: »Ich bin alles, was war, was ist, und was einst kommen wird. Niemals wird ein Mann

hinter meinen Schleier blicken.« Damit hütet sie die letzten, die unaussprechlichen Wahrheiten, denen sich der

Logos, das männliche Denken nur nähern kann, ohne es je zu erreichen. Diese Einsicht drückt das chinesische

Weisheitsbuch Tao Te King aus, wenn es dort im ersten Vers sinngemäß heißt: »Die Wahrheit, die sich aussprechen

lässt, ist nicht die ewige Wahrheit.«

Die wichtige Botschaft, die wir der Verbindung dieser Elemente in der Alchemie entnehmen können, lautet: Damit

das große Werk vollbracht werden kann, dürfen Luft und Wasser, Geist und Seele, Denken und Fühlen, Wissen und

Spüren einander nicht feindlich gegenüberstehen. Dort, wo Luft als kühler Verstand die Wasser der Gefühle

aufpeitscht oder durch seine Kälte zum Gefrieren bringt, wird ebenso wenig Erfolg zu erzielen sein wie dort, wo

Illusionen und Wunschdenken als wässrige Nebelschwaden die Klarheit luftiger Gedankenwelten trübt. Es genügt

aber auch nicht, dass sie nebeneinander bestehen, ohne sich zu mischen, dass sie einander gleichgültig sind und

jedes Element seine eigenen Wege geht. Was hier verlangt wird ist

wirkliche gegenseitige Durchdringung. Geist und Seele müssen sich

vereinen, sie müssen zu Quecksilber werden und dazu ihre

Eigenständigkeit aufgeben. Nur dort, wo männlich-kausales und weiblichanaloges

Denken sich wie zu einem Fadenkreuz verbinden, wo beide

Gehirnhälften gleichwertig miteinander kooperieren, wo das

differenzierende Denken die Unterschiede wahrnimmt, ohne sich im Detail

oder Spezialisierungen zu verlieren, und wo zugleich das holistische

Denken das Ganze wahrnimmt, ohne gegebene Unterschiede zu

verwischen oder zu bagatellisieren, entsteht die richtige Mischung. Wo

profundes Wissen sich mit feinem Gespür vereint, kann das Große Werk

gelingen, und nur dort kann es zu einem wirklichen Verstehen kommen und

damit zu einer guten und tiefen Deutung eines Horoskops, einer Erfahrung,

eines Traums oder einer Tarotlegung.

Deshalb heißt es ja auch in der Astrologie seit alter Zeit, dass Merkur

androgyn, also zweigeschlechtig ist und daher beide Pole in sich vereint.

Vielleicht ist das der Grund, warum Niki de Saint Phalle in ihrem großartigen Tarotgarten den Magier und die

Hohepriesterin zu einer Figur verschmelzen ließ?

Magier und Hohepriesterin im Tarotgarten

 

»Solve et coagula«, löse und binde, heißt das

aller Wandlung zu Grunde liegende

alchemistische Prinzip, das auch ein

vortreffliches Modell effizienter Problembewältigung

ist. Es bringt die beiden Aspekte

des Denkens in Einklang. Während der Logos

das luftige, analytische Denken darstellt, das

verworrene, komplexe Strukturen löst und in

übersichtliche Teilbereiche untergliedert, steht

Soma für das wässrige Denken, das intuitiv

zur Synthese führt, indem es das Getrennte

geläutert und geheilt in guter Weise wieder

zusammenfügt.

Weibliches und Männliches

Salz (lat.: Sal), das zweite alchemistische Element, ist gleichbedeutend mit dem klassischen Element Erde. Es steht

für das Beständige, das Feste, für das Kristalline. Salz/Erde ist die Substanz, die von Energie durchdrungen werden

muss, um sich zu Höherem zu entwickeln, es ist der fruchtbare Boden, der die Saat aufnimmt, und Neues daraus

gedeihen lässt.

Die Tarotkarte zeigt dieses Prinzip in der Kaiserin, die durch ihre merkwürdige Sitzhaltung das alchemistische

Zeichen für Salz (_)verkörpert. Rumpf und Arme bilden einen Kreis, während die Hände den Querstrich andeuten.

So wie auch in der Natur die gerade Linie die Ausnahme bildet, sind auch auf dieser Karte alle Linien rund und

geschwungen. Die beiden Mondsicheln stehen für Veränderlichkeit und zyklische Rhythmen, während der Pelikan

Ausdruck übergroßer Mutterliebe ist, weil er der Legende nach seine Jungen mit seinem Herzblut füttert. Der weiße

Adler verkörpert die weiße Tinktur, die weibliche Energie, die sich mit der roten, männlichen mischen muss, damit

das Große Werk gelingen kann.

Das dritte alchemistische Element Schwefel (lat.: Sulfur) entspricht dem klassischen Element Feuer. Es steht für die

dynamische Energie, die das Stoffliche (Salz/Erde) durchdringen und erfüllen muss, um sie zu wandeln. Natürlich

wurzelt diese Symbolik in der Metallschmelze, aus der die Alchemie hervor ging. Das Erz (Salz/Erde) wird im Feuer

(Sulfur) solange erhitzt, bis das glühende Metall hervor tritt.

Auf der Tarotkarte bringt der Kaiser dieses feurige Prinzip nicht nur durch die rötliche Farbe zum Ausdruck, sondern

auch durch seine Sitzhaltung. Das alchemistische Zeichen für Schwefel findet sich in den gekreuzten Beinen und

dem durch Oberkörper und Armhaltung angedeutetem Dreieck wieder. Im Unterschied zum natürlich Runden finden

sich hier beim Kaiser überwiegend gerade Linien, Ausdruck des von Menschenhand Geschaffenen und Ausdruck

der Zivilisation, die erst mit dem Raub des Feuers möglich wurde. Die Sonne, ein Urbild der feurigen Kraft, ist

zweimal zu sehen. Im Gegensatz zu dem veränderlichen Prinzip des Mondes der Kaiserin sind hier beide Sonnen

einander gleich, haben gerade Strahlen und befinden sich auf gleicher Höhe, als Ausdruck von Gleichmäßigkeit und

Beständigkeit.

Merkur als die Vereinigung der Gegensätze Sonne und Mond und ebenso

von Schlange und Adler , die hier auf den Waffen der Kämpfenden zu sehen

sind

 

Die Kaiserin = die weiße Tinktur

Der Kaiser = die rote Tinktur

Zusammengefasst lehrt uns dieses Konzept folgendes: Wenn es darum geht, äußere Spannungen, Widersprüche,

quälende Dilemmata und andere Konflikte im Leben zu überwinden, dann müssen wir im Inneren beginnen.

Zunächst gilt es, jede Einseitigkeit der Betrachtung zu vermeiden, um zum richtigen Verständnis des Problems zu

kommen. Logos und Soma, Verstand und Intuition müssen sich (wie Quecksilber) mischen, damit wir das Ganze

richtig verstehen und dadurch wie selbstverständlich die richtige Lösung finden. Mit ihr lässt sich dann das Problem

im Äußeren mühelos lösen, denn mit der richtigen Mischung entsteht etwas neues Drittes. Wenn wir zuvor zwischen

den Gegensätzen gekreuzigt waren, und bis zur Erschöpfung zwischen den Widersprüchen hin- und herschwankten,

wird uns plötzlich klar, dass die Lösung nicht im entweder/oder liegt, sondern sich als ein Drittes ergibt, sobald wir

die Gegensätze in guter Weise mischen. Das ist das alchemistische Gold, das aus der richtigen Mischung der

weißen und der roten Tinktur, dem Weiblichen und dem Männlichen, hervorgeht.

Die Quintessenz

Während die vier klassischen Elemente die sichtbare Welt bilden, gibt es darüber hinaus ein unsichtbares fünftes

Element, das nur dem Menschen zugänglich ist. Die Alchemisten nannten es Quinta Essentia, die Quintessenz.

Dabei steht quinta für Fünf und essentia für das Essentielle, das Wesentliche, weshalb dieses fünfte Element der

Schlüssel zum Wesentlichen ist. Ein Stein etwa ist ein typischer Vertreter des Elements Erde. Die in ihm verborgene

Bedeutung erkennen wir, wenn wir daraus einen Grundstein, Meilenstein, Stolperstein, Mosaikstein, Mühlstein, einen

Grabstein machen, ihn als Gewicht, als Wurfgeschoss oder Schmuckstück benutzen, in ihm den Feuerstein

entdecken, ihn zum Edelstein erklären, oder indem wir mit Hammer und Meißel das Kunstwerk freilegen, das in ihm

steckt.

Die Lehre und das Wissen vom verborgenen Sinn ist die Religion

Dieses Wort geht auf das lateinische re-ligare zurück, was rückbinden bedeutet. Dem alchemistischen solve et

coagula entsprechend besagt dies, dass jedem Lösen das Binden folgen muss. Wenn etwa ein Gegenstand zur

besseren Erkenntnis in sämtliche Bestandteile zerlegt wurde, muss er anschließend wieder zu einem Ganzen vereint

werden, um heil zu sein. Wenn der Mensch sein Wesen zur besseren Selbsterkenntnis analysiert, darf er es nicht bei

der Betrachtung einzelner Anteile belassen sondern muss sie wieder zu einem Ganzen zusammenfügen, muss sich

 

wieder im Ganzen erkennen, um heil zu werden. Im richtigen Rückbinden offenbart sich der Sinn eines jeden Teils.

Wer je ein Gerät - etwa eine Uhr - zerlegt und wieder zusammengebaut hat, weiß, wie unangenehm es ist, wenn zu

guter Letzt noch einige Schrauben übrig sind. Sie wurden übersehen, ihre Bedeutung wurde nicht verstanden.

Solange sie aber nicht an ihrem Platz sind, ist die Uhr nicht heil. Wer die Natur verstehen will, muss - nach

alchemistischer Auffassung - die Bedeutung ihrer Bestandteile, der vier Elemente, erkennen und sie richtig zu einem

Ganzen zusammenfügen. Erst dann versteht er ihren Sinn. Die Quintessenz ist keines der vier Elemente, sie ist der

Sinn, der sich ergibt, wenn sie richtig gemischt werden.

Gleiches gilt natürlich für die Horoskopdeutung. Die Analyse der einzelnen Faktoren ist notwendig und hilfreich. Die

Kunst besteht aber darin, sich nicht in Details zu verlieren, sondern alles zu einem Ganzen zusammen zu fügen, ein

Bild des ganzen Menschen zu entwerfen und Würde, Wert und Sinn seines Wesens, seiner Aufgaben und seines

Lebensabschnitts aufzuzeigen.

Auf der Ebene des Menschen kommt der Rückbindung noch eine andere

Bedeutung zu. Bis zu dem Alter, in dem wir uns unserer Selbst soweit

bewusst geworden sind, dass wir uns erstmals nach dem Sinn des

Lebens fragen, haben wir längst »vergessen«, weshalb wir eigentlich auf

die Erde gekommen sind. Die notwendige Rückbindung mit dem

verlorenen oder vergessenen Sinn ist das Ziel einer lebendigen Religion.

Den richtigen Weg zu weisen, die abgerissene Verbindung wieder

herzustellen, eine Brücke zum ursprünglichen Sinn zu schlagen, ist die

Aufgabe des Priester, der ja ein Pontifex, ein Brückenbauer ist.

Die Tarotkarte aber zeigt, dass der Hohepriester dieser Aufgabe nicht

mehr gerecht werden kann. Sein Gesicht ist eine Totenmaske; ebenso

wie die Köpfe der vier Cherubim, die als Vertreter der vier Elemente in

den Ecken der Karte zu sehen sind, nur noch leblose Masken sind. Sie

alle stehen für eine Religion, die zu einer Maske erstarrt ist, die zwar den

Ritus noch kennt, aber das Mysterium vergessen oder verloren hat, das

diesen Ritus hervorgebrachte. Natürlich kann solch eine tote Lehre kein

Sinngefühl mehr erzeugen. Das gilt zumindest für die größte Figur auf

der Karte, die die größten, vorherrschenden Religionen vertritt. Während

Isis, die blaue Madonna im unteren Teil der Karte, für lang

zurückliegende matriarchale Strukturen und Kulte steht, ist der

Hohepriester selbst ein Repräsentant der patriarchalen Religionen, die für viele Menschen heute so hohl klingen, wie

es die Karte zeigt. Der Horusknabe, der im Fünfstern auf der Brust des Hohenpriesters zu sehen ist, aber zeigt, dass

ein neues Aeon anbricht, das Zeitalter des Horus, wie Crowley es nannte, indem eine neue, lebendige Religion dem

Menschen wieder ein Sinngefühl zu geben vermag.

Die neuen Astralpriester/innen

Gewiss liegt dort auch eine bedeutende Aufgabe heutiger Astrologinnen und Astrologen. In der Tradition früherer

Astralpriester können sie dem Menschen ein Gefühl davon geben und ihm bewusst machen, dass die Erde kein

absurder Ort und der Sternenhimmel kein Haufen sinnlos herumkreisender toter Steinbrocken ist, sondern dass wir

in einem bedeutsame Universum leben. In den vergangen Jahrtausenden gab es kein Konzept, dass dem Menschen

anschaulicher als die Astrologie vor Augen führte, wie er Teil eines lebendigen, sinnvollen Kosmos ist, und dass er

darin sein Leben lang eine einzigartige Aufgabe hat. Am schönsten hat das wohl der große Astrologe Oskar Adler

ausgedrückt, in dem er in seinem Testament der Astrologie vom Geburtsaugenblick sagte: Millionen Jahre sind die

Gestirne durch die Räume gewandert, haben geduldig gewartet und des Momentes geharrt, da du erschienst, um

sich nun darzubieten in einer Konstellation, die weder vorher je so da war noch jemals wiederkehren wird, um dein

Horoskop zu gestalten.

 

Die chymische Hochzeit

Nachdem uns die ersten fünf Karten die vier Elemente und Quintessenz gezeigt

haben, kommt es nun darauf an, die Gegensätze zu einem übergeordneten

Ganzen zu verbinden. Dabei verleiht Merkur in der richtigen Mischung aus Luft

und Wasser das Geschick, die Urpolarität Männlich und Weiblich zu verbinden.

Das alchemistische Bild zeigt uns diesen Gegensatz so wie wir sie aus den

Tarotkarten Kaiserin und Kaiser kennen. Mond, Silber, weiß, Königin, Erde sind

auf der linken, weiblichen Seite zu sehen, während Sonne, Gold, rot, König und

Feuer den rechten, männlichen Pol bilden. Im Tarot finden wir die (fast)

gelungene Vereinigung in der Karte DIE LIEBENDEN.

Ältesten griechischen Überlieferungen

zufolge war es Eros, der im Anfang die

Schöpfung in Gang setzte, in dem er

die Gegensätze zwang, sich im Feuer

der Leidenschaft zu verbinden und zu

durchdringen. Auf der Karte taucht

dieser urgewaltige Schöpfergott zwar nur noch in seiner viel späteren

Form als Pfeile schießender Amorknabe auf, aber auch er vermag es,

diese Verbindung herbeizuführen.

Die vier Personen lassen sich als die Vertreter der vier Elemente deuten,

die hier von der Quintessenz in Gestalt des Alten mit dem verhüllten

Gesicht, gesegnet und vereint werden. Es würde der alchemistischen

Symbolik aber mehr entsprechen, in dem Bild die Vereinigung der

Urgegensätze Mann und Frau zu sehen, die der alchemistischen Tradition

entsprechend als maurischer (schwarzer) König und weiße Königin

dargestellt werden. Dass - wie im Tai-Chi (_) - in jedem der beiden Pole

auch die Gegenkraft angelegt ist, zeigen die Kinder, die jeweils in der

Farbe des Gegenpols hinter den beiden stehen. Roter Löwe und weißer

Greif repräsentieren das Männliche und das Weibliche ebenso, wie die

Lanze und der Kelch.

Aber die Verbindung ist nicht vollkommen. Nicht vereint sind die beiden Aspekte des Weiblichen, Eva und Lilith, die

links und rechts am oberen Bildrand zu sehen sind. Weil damit keine umfassende Verbindung gelungen ist, muss

alles noch einmal gelöst und neu gebunden werden. Deshalb macht sich der Adept in der nächsten Karte gleich auf

den Weg.

Die Hochzeit von Sonne und Mond

 

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